Krystina Meyer ist im Schuljahr 06/07 Gastschülerin in Frankreich.

 
 

Ach, wie doch die Zeit verfliegt. Jetzt ist es schon über ein Jahr her, dass ich mich beim Voltaireaustausch beworben habe. Ein einjähriger Austausch, bei dem erst eine französische Austauschschülerin bei einem wohnen sollte und dann würde man selbst die Chance haben, sechs Monate in Frankreich zu leben. Außer einer sehr ausführlichen Bewerbung verlangte die Organisation nichts, die Hin- und Rückreise wurde sogar bezahlt. Das einzige Problem: Die Teilnehmerzahl war natürlich begrenzt und da nur sechs Schüler aus dem Weser-Ems-Gebiet angenommen werden würden, bekam ich auch von allen Seiten zu hören, dass ich mir doch eigentlich gar keine Hoffnungen machen bräuchte. Tat ich aber trotzdem und tatsächlich, Ende Januar lag ein großer Umschlag bei uns auf dem Tisch: Marie, meine zukünftige Austauschschülerin! Jetzt ging es los, als erstes musste Platz geschafft werden, denn einen Monat später würde Marie schon angekommen sein. Mein kleiner Bruder war bereit, für ein halbes Jahr in den Wohnwagen im Garten zu ziehen und sein Zimmer einem fremden Mädchen zu überlassen.

Marie kam an und es war alles super, wir haben in Deutschland ein tolles halbes Jahr zusammen verbracht. Unvergessliche Erlebnisse, Spaß und große Reisen – Marie ist für mich wie eine Schwester geworden.

Doch dann ging es los, auf nach Frankreich und weg von Freunden und Familie. Im Bus haben Marie und ich gemeinsam geweint, aber andererseits freuten wir uns auch – sie sich auf ihre Freunde und ihre Familie, ich mich auf ein großes Abenteuer.

Natürlich wurde ich von Maries Familie super empfangen, es war fast zu perfekt: Das Wetter toll, ein gigantisches Haus mit einem Pool im Garten und für mich ein klasse Zimmer. Das Haus ist in einem kleinen Dorf, Lyon, die zweitgrößte Stadt Frankreichs aber nur 20 Minuten mit dem Auto entfernt. In der Familie wurde ich gleich als viertes Kind aufgenommen, nach kurzer Eingewöhnungszeit wurde die Hausarbeit verteilt und auch sonst wird kein Unterschied zwischen Marie und mir gemacht. Sogar die beiden kleinen Brüder behandeln mich fast wie ihre eigene Schwester. Meine Gastmutter erkennt sofort, wenn ich das Bedürfnis zu reden habe und einfach eine kleine Umarmung hat manchmal einigen Kummer beseitigt.

Die erste Zeit lebte ich wie im Urlaub, es waren noch Ferien, das hieß lange schlafen, gemütlich frühstücken und raus an Pool. Marie und ich sprachen weiterhin deutsch, so war es schließlich zur Gewohnheit geworden. Ich wunderte mich, dass ich noch niemanden vermisste, aber gleichzeitig war ich auch froh darüber. Nach zwei Wochen war Schulanfang. Einige Tage vorher mussten aus der Schule die Schulbücher abgeholt werden, die Schule war mitten in Lyons Altstadt, jetzt würden aber jeden Morgen insgesamt eine Stunde Bus- und U-Bahnfahrt auf uns warten. Das war auch für Marie neu und da sie direkt vor dem Austausch umgezogen war, freute sie sich auch auf eine neue Klasse mit netten Leuten. Mich erwartete ein völlig anderes Schulsystem als in Deutschland. Gleich am ersten Tag wurden Heftchen verteilt, in die ab sofort jede Fehlstunde, jede Note oder jede Mitteilung an die Eltern eingetragen werden sollte, daraufhin mussten Eltern sowie die Schule unterschreiben. Der Stundenplan ist auch kein Zuckerschlecken. Dreimal die Woche bis 18 Uhr Unterricht und jeden Tag geht es um 8 Uhr los. Wenn man in der Stadt wohnen würde, kein Problem, aber plus die Stunde Busfahrt morgens und abends wurden die Tage ganz schön lang. Keine Zeit für andere Sachen, zu Hause wird dann gegessen, sich an die Hausaufgaben gesetzt und danach erschöpft ins Bett gelegt. Der nächste Tag ist nicht anders und so ließ die Motivation zum frühen Aufstehen auch schnell nach. Der Unterricht wird ganz anders gestaltet, auf mündliche Mitarbeit wird kaum wert gelegt, der Lehrer liest seinen Text vor und von den Schülern wird verlangt, dass sie Notizen machen und diese später auswendig lernen.

Langsam sehnte ich mich doch nach alten Gewohnheiten, nach den morgendlichen Fahrradtouren oder nach den freien Nachmittagen und stellte mir die Frage: Warum ganz allein in einem fremden Land, ohne die Leute, die einem lieb und wichtig sind? Hinzu kam, dass ich endlich mal französisch reden wollte und Freunde zu finden, das war auch gar nicht so einfach wie ich anfangs dachte. Mit Anstoß von meinem Vater hatte ich jetzt die Aufgabe, die Sachen selber in die Hand zu nehmen. Ich ging zum Handball und verabredete mich mit Mädchen aus meiner Klasse. In der Schulkantine immer mit Maries neuen Freunden zu essen, nein, das wollte ich nicht. Ich wollte auch meine eigenen Freunde haben. Dabei habe ich bemerkt, dass für viele französische Jugendliche die Schule sehr wichtig ist. Das Abitur ist nicht mehr weit, deswegen wird ständig diszipliniert und ordentlich gearbeitet. Da werden die Freunde eher zweitrangig und einige unterhalten sich nur beim Mittagessen mit anderen Jugendlichen- dann aber auch über die gemachte Mathehausaufgabe. Ausgegangen wird sehr selten. Auch der Unterschied zwischen Stadt und Land ist mir hier sehr deutlich geworden, das Großstadtleben ist anonym und dein äußeres Erscheinungsbild entscheidet über deine Freunde.

Eine freudige Unterbrechung waren die Herbstferien, in denen mich erst meine Freundin und dann meine Eltern mit meinem Bruder besuchen kamen. Es war ein komisches Gefühl, ihnen „mein“ Haus, „meine“ Schule oder „meine“ Handballmannschaft zu zeigen. Die Zeit habe ich genossen und wir haben viel unternommen, danach ging es aber wieder los. Ich habe mir vorgenommen, mein Leben hier zu leben und das zu machen, woran ich Spaß habe. Eine Woche hatten wir noch französische Herbstferien, da bin ich mit Marie, ihrer Cousine und ihren Großeltern nach Südfrankreich in Urlaub gefahren. So langsam hab ich gemerkt, dass ich plötzlich die Leute verstand, mittlerweile konnte ich schon mit fast jedem reden und sogar französische Filme schauen. Dieser persönliche Erfolg lässt einen einfach nicht aufgeben und nun übernachte ich bei meinen Freundinnen, gehe mit ihnen shoppen, ins Kino oder verabrede mich zu einem gemeinsamen Crêpenachmittag. In der Vorweihnachtszeit habe ich das in Lyon berühmte Lichterfest bestaunt und gemeinsam mit Marie und ihrer Mutter Paris entdeckt. Weihnachten wurde groß in Dijon gefeiert, dabei hat natürlich die traditionelle „bûche de noel“ (Biscuitrolle, die meistens wie ein Baumstamm gestaltet ist) nicht gefehlt und auch die Franzosen sind gut in das neue Jahr gerutscht.

Aber auch dieses Abenteuer hat bald sein Ende und nachdem man fast sechs Monate ein anderes Leben gelebt hat ist es sicherlich schwierig einfach so „Au revoir“ zu sagen. Noch habe ich etwas Zeit vor mir und will so viel wie möglich profitieren, aber ich kann jetzt schon sagen, dass ein Austausch wie dieser in allen Sachen positiv ist. Das, was ich außer der Sprache in diesem halben Jahr gelernt habe, hätte ich sonst viel später, vielleicht sogar nie gelernt und mit Marie habe ich eine Freundin fürs Leben gewonnen. Ich bin froh, dass ich damals den Mut gehabt habe mich zu bewerben, denn sonst hätte ich mir mein Leben lang vorgeworfen, etwas verpasst zu haben.


 

 

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