Sandra Gerjets ist im Schuljahr 2004/2005 Gastschülerin in Finnland . Sandra berichtet auf dieser Seite über ihr Gastjahr in Finnland. Dafür bedanken wir uns recht herzlich.

 
 
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  Mail vom 6.Oktober 04  
 

Schulsystem
Seit PISA interessieren sich viele Leute in Deutschland für das finnische Schulsystem. Jetzt kann ich darüber berichten, aus erster Hand sozusagen. Aber leider nur grob, denn es ist relativ kompliziert (natürlich nicht so kompliziert wie das deutsche, aber immerhin).
In Finnland werden die Schüler mit 7 Jahren eingeschult. Dann gehen sie bis zur neunten Klasse in eine Art Gesamtschule. Diese neun Jahre bleiben die Schüler in ihrer Klasse, ohne aufgeteilt oder getrennt zu werden.
Danach können sie entscheiden, ob sie die Schule weitermachen, was aber 99,7 % aller Schüler machen. Finnland hat eine der niedrigsten Schulabbrecherraten weltweit.
Sie können nun wählen zwischen zwei verschiedenen Arten High-School. Beide dauern 3 Jahre, können aber auch, nach Bedarf auf 4 verlängert werden (die Schüler können selbst entscheiden, wie viele Jahre sie in der Schule sein möchten).
Nach der High-School bekommen die Schüler ein Zeugnis, mit dem sie einen Beruf wie z.B. Mechaniker, Kosmetikerin, Maurer etc. erlernen können. Nach der High-School können die Schüler zur Universität gehen oder auf eine "Polytechnische Institution" gehen, die fast das selbe ist wie eine Universität.
Was mir selbst noch aufgefallen ist, sind vor allem die Stühle. In Deutschland habe ich mich immer beklagt, dass die Tische viel zu klein und die Stühle viel zu unbequem sind. Ich war immer der Meinung, man sollte die Schulstühle gegen Sessel eintauschen. Was mir dabei entgangen ist : Die deutschen Schulstühle SIND Sessel. Zumindest verglichen mit den Finnischen.
Für mich ist es unvorstellbar, wie die Finnen zwei Stunden lang auf dieses Stühlen, ganz konzentriert, dem Unterricht folgen können. Vielleicht ist es nur eine Sache der Gewohnheit. Und wenn es das ist, dann habe ich mich jedenfalls noch nicht daran gewöhnt. Eine andere Sache, die ich sehr auffällig fand, waren die Lehrer. Natürlich kenne ich noch nicht alle Lehrer an dieser Schule und ich hatte auch erst ein paar im Unterricht, doch dabei ist mir aufgefallen, dass die Lehrer hier immer (!) gute Laune haben, die Schüler nie  anraunzen und Fragen immer freundlich beantworten. Das finde ich sehr gut, denn so macht der Unterricht
viel mehr Spaß. Natürlich gibt es auch in Deutschland freundliche und gut gelaunte Lehrer, aber es gibt auch mindestens genauso viele, die nicht wissen was "freundlich" bedeutet. Und man lernt mindestens einen der zweiten Sorte in den ersten zwei Wochen seiner Schullaufbahn kennen. Nicht so in Finnland.
Der Unterricht an sich ist auch etwas anders als in Deutschland. Hier wird sehr viel mit Folien gearbeitet. In jeder Stunde werden mindestens drei Folien vom Lehrer benutzt. Um die Hausaufgaben zu vergleichen, um Lückentexte an die Wand zu projizieren (die auch jeder in seinem Buch hat) oder um Neuigkeiten anzukündigen. Das Schuljahr unterscheidet sich grundlegend darin, dass es 190 Schultage gibt und einmal im Jahr wird auch am Samstag unterrichtet.
Das Schuljahr wird in 6 Perioden eingeteilt, die man mit den deutschen Halbjahren vergleichen kann. Pro Periode macht man sich selbst einen neuen Stundenplan (bzw. am Schuljahresanfang macht man sich alle 6 Stundenpläne fertig).
Die Kurse hier sind sehr verschieden. Die meisten sind ganz normal groß , d.h. 20 bis 25 Leute. In meinem Italienischkurs allerdings waren nur 8 und in meinem Spanischkurs jetzt sind 49.

Das wars für diese Woche!

Schöne Grüsse, Sandra

P.S. Die Elchjagd ist hier keine große Sache und wird nur an dem Tag an dem die Jagdsaison losgeht im Fernsehen und Radio erwähnt, denn zu dieser Zeit müssen Autofahrer ganz besonders vorsichtig sein, denn manchmal laufen die verängstigten Elche einfach auf die Strasse.

 
  Mail vom 22.September 04 nach oben  
  Finnland - das Land des Schnees, der Seen, Wälder und Elche.
Das sind zumindest meine Assoziationen gewesen, als ich an Finnland gedacht habe. Bevor ich hier her kam.
Mittlerweile bin ich seit ca. eineinhalb Monaten hier (seit dem 1.08.) und mir ist aufgefallen, dass Finnland durchaus noch mehr zu bieten hat als Fisch und viel Wasser.
Das erste was mir aufgefiel war die Natur. Nicht weil sie so atemberaubens schön oder aussergewöhnlich gestaltet war. Einfach weil sie da war. und sie war da die ganze Zeit. Ich fuhr mit dem Bus vom Flughaven in Helsinki ca. zwei Stunden zu einem
sehr sehr kleinen Ort namens Karkku, um dort in einer Woche etwas Finnisch zu lernen. Und während der ganzen Fahrt konnte ich Natur sehen. Felder, Wiesen, Seen und vor allem Bäume, Bäume, Bäume.
Das fand ich schon mal sehr komisch. In Deutschland hat man zwar auch Natur und die ist auch schön, aber trotzdem, irgendwann hört die ja auch mal auf und es kommt wieder ein Dorf oder eine Stadt. Nicht so in Finnland.
Die 5,2 Millionen Einwohner haben sich wirklich geschickt auf das nicht grade kleine Land verteilt. Natuerlich leben die meissten Finnen im Sueden des Landes, aber auch da kann man nicht von einer grossen Bevölkerungsdichte sprechen.  Ich hatte das Gefuehl, ueberall wo in Deuscthalnd ein Dorf oder eine kleine Stadt steht, ist in Finnland - wenn ueberhaupt- ein vereinzeltes
Haus. Das heisst man hat Natur so weit das Auge reicht.

Die zweite Sache die mir auffiel, und die auch jedem anderen Ausländer hier auffallen wird, war diese Handytelefoniererei. Hier hängt wirklich jeder ständig am Handy, manche Familien haben nicht mal einen Festnetzanschluss
sondern nur Handys. Handys werden auch nie ausgeschaltet. Wie wäre es zum Beispiel in Deutschland, wenn im Unterricht das Handy klingelt? Man wuerde doch peinlich beruehrt in seiner Tasche kramen und sofort auf den roten Hörer druecken, sobald man es in seine Finger bekommt. Dannach darf man dann in die grinsenden Gesichter seiner Mitschueler und das strafende des Lehrers gucken, bevor man ganz beschämt ein "Tschuldighmblmbl, vergessen auszummmbllmm.." murmelt.
Nicht so in Finnland. Klingelt hier das Handy greifen erstmal alle in ihre Taschen - das Handy ist immer griffbereit- und gucken ob sie grad ganz wichtig einen Anruf erhalten. Derjenige der dann tatsächlich den Anruf erhält guckt sich kurz um, dreht sich dann zur Wand und plappert erstmal fröhlich ein paar Momente mit dem Anrufer, bevor er ihm zu verstehen gibt, dass es jetzt vielleicht ein bisschen unguenstig ist, weil er grad Mathe hat und man ja später weiterreden könnte. Der Lehrer unterrichtet während dieser Zeit weiter, völlig unbeeindruckt von dem, was grad passiert ist. Er unterbricht sich nur, wenn es sein eigenes Handy ist, was da klingelt.

Natuerlich gibt es noch mehr Unterschiede zwischen Finnland und Deutschland, ueber die ich in den nächsten 11 Monaten sicher auch noch schreiben werde, doch dies waren nun erstmal die zwei, die mir am grössten erschienen.
 
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